Das Deutschtum im Ausland

Artikel aus "Horizont – Magazin für Politik und Wirtschaft" Nr. 20/1990
Die Auslandsdeutschen – 20 Millionen ante portas?
von Norbert Stein

Rumäniendeutsche verlassen in Scharen das Balkanland, auch in der Sowjetunion drohen Deutsche Massenexodus an. Aus Polen hört man von Versuchen, "arische" Vorfahren nachzuweisen. Eine deutsche Minderheit wurde dort lange nicht anerkannt. Viele kamen bislang in den Westen, ihrer Ahnen Heimat. Bald wird es das vereinigte Deutschland sein. Es soll etwa 20 Millionen Auslandsdeutsche geben. Wie viele von ihnen wollen hierher?
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Ungarndeutsche Tanzgruppe aus Pécs (Fünfkirchen)

Wer zur Rückkehr ins Land der Ahnen keine Alternative mehr sieht, wird sicher auch künftig willkommen geheißen. Ziel sollte es aber eher sein, Minderheitenrechte vor Ort wahren zu helfen und somit einen Beitrag zu leisten zu selbstbestimmter Integration. Natürlich bei Aufrechterhaltung nationaler Eigenarten, sofern dies der Wunsch der Betroffenen ist. Auch dürfen damit keine territorialen Forderungen verbunden sein, wie sie das faschistische Deutschland vor einem halben Jahrhundert erhob. Wie andere Völker sind auch die Deutschen vom Schicksal der Landsleute angesprochen, deren Ahnen meist schon vor vielen Generationen in die Fremde gezogen sind. Es ist legitim und nicht nur hierzulande Usus, die Öffentlichkeit für Probleme zu interessieren, die eine Minderheit vom eigenen Ethnos betreffen.



Versuch einer Definition

Wer sind also die Auslandsdeutschen? In der DDR war von ihnen lange Zeit kaum Genaueres bekannt. Es konnte sich gar die Meinung halten, die in Übersee müßten Nazis gewesen sein, weil man von deren Untertauchen in fernen Ländern wußte. Das Thema Auswanderung war – wie so vieles – suspekt. Einfacher ist zunächst zu erklären, wer nicht darunter fällt, nämlich die uns ethnisch so nahen Österreicher, Deutschschweizer, Luxemburger und Liechtensteiner; sie leben in Staaten, in denen man sich – wie in der DDR und BRD – überwiegend oder ausschließlich der deutschen Sprache bedient. Das sind zusammen knapp 13 Millionen. Auch sind die Hunderttausende darunter nicht zu verstehen, die zwar ihren ständigen Wohnsitz woanders nahmen, dort aber weiterhin deutsche Staatsbürger sind. Nach dem Ausschlußverfahren bleiben Personen übrig, die in sprachlicher Minderheit Deutsch reden und als Staatsbürger des jeweiligen Landes in mehr als 60 Staaten über die ganze Erde verstreut leben. Sie lassen sich aber vielfach nur schwer von den "Deutschstämmigen" unterscheiden. Dieser Begriff meint wiederum Menschen deutscher Abstammung, die die Sprache ihrer Vorfahren in der Regel nicht mehr beherrschen. Das sind rund 50 Millionen in aller Welt.
Es bedarf einer weiteren Einschränkung: Nicht alle, die nach dieser Bestimmung Auslandsdeutsche sind, fühlen sich tatsächlich als solche. Die Elsässer und Ostlothringer z.B. verstehen sich als Franzosen mit spezieller (nämlich auf einem deutschen Dialekt beruhender) regionaler Eigenart. Schon deshalb ist festzuhalten: Wenn hier von "Deutschtum", "Deutschstämmigkeit", "Auslandsdeutschen" die Rede ist, meint das keine politische Einheit, sondern besitzt ausschließlich ethnisch-kulturellen Bezug.



Was sagt die Geschichte?

Warum leben Menschen deutscher Zunge in fremden Ländern, weshalb gingen ihre Vorfahren dorthin? Drei Weltgegenden sind auseinanderzuhalten; trotzdem kann dies hier nur ein Ausschnitt sein:
Zunächst gibt es die "Grenzland-Volksgruppen" in Westeuropa, Nordschleswiger in Dänemark, Bewohner der Gegenden um Eupen und St. Vith in Belgien, die schon erwähnten Elsässer und Ostlothringer in Frankreich sowie die Südtiroler in Italien. Überall dorthin ist man nicht ausgewandert, sondern es sind Regionen, die schon in den Anfängen deutsches Sprachgebiet waren und wo es oft auch andersstämmige Bevölkerung gibt. Die politischen Grenzen änderten sich häufig, sprachliche blieben weitgehend unberührt.
Anders ist die Lage in Osteuropa. Hierher folgten deutsche Siedler vor allem dem Ruf von Monarchen, entvölkerte Landstriche urbar zu machen bzw. nach Kriegswirren, Epidemien zu "repeupliren". Das bot eine Chance, bedrückenden Verhältnissen, so der Leibeigenschaft, zu entfliehen. Auch Intoleranz gegenüber Glaubensgemeinschaften war häufig ein Grund. Dafür Beispiel ist die Odyssee deutschsprachiger Mennoniten, die u.a. Kindstaufe und Wehrdienst ablehnen. Nachdem sich viele von ihnen im 19. Jh. in Rußland, besonders in der Ukraine, niedergelassen hatten, zog ein Großteil später weiter nach Kanada und fand schließlich in Paraguay eine Heimstatt. Es gab, beginnend mit dem 10. Jh., nicht nur eine Ausdehnung geschlossenen deutschen Siedlungsgebietes über die damaligen Grenzen an Elbe, Saale und Böhmerwald hinaus Richtung Osten. Daneben entstanden frühzeitig Sprachinseln in anderen Ländern, so um 1150, als der ungarische König Géza II. Neusiedler rief, in der Zips (heute Slowakei) und in Siebenbürgen (heute Rumänien). Auswanderungswellen in das Karpatenvorland hielten bis ins 19. Jh. an. Nach dem Sieg gegen die Türken vor Wien (1683) dehnte sich das Habsburger Reich nach Südosten aus. Immer mehr Gegenden wurden nun von Deutschen besiedelt. Das betraf zunächst Ungam westlich der Donau, dahin kamen die "Donauschwaben". Der eigentliche "große Schwabenzug" von Ulm ausgehend stromabwärts - begann 1763, als nach anfänglichen Fehlschlägen das Banat neues Auswanderungsziel geworden war.


Deutschprachige Mennonitenfrauen in der ehemaligen Sowjetunion:
tiefe Religiosität als Merkmal nationalen Zusammenhalts

Auf das gleiche Jahr geht das Manifest der russischen Zarin Katharina II., einer geborenen Prinzessin von Anhalt-Zerbst, zurück, nach dem etwa 40 000 deutsche Bauern an der Wolga angesiedelt wurden. Alexander I. ließ ab 1804 ebenfalls Deutsche ins Land. Sie sollten ehemals türkische Steppengebiete in Bessarabien, der Südukraine und am Schwarzen Meer fruchtbar machen. Nach 1861, als die Leibeigenschaft im Zarenreich aufgehoben wurde, kam erneut eine Siedlerwelle aus Deutschland, vor allem nach Kongreß-Polen (wo es schon seit dem Mittelalter verstreut deutsche Dörfer gab) und in die Sumpfgebiete Wolhyniens, die es urbar zu machen galt.

 

 

Ein Viertel der Neuamerikaner

Gerade aus Wolhynien zogen Deutsche nach Amerika weiter, womit wir in der dritten Weltgegend, in Übersee, sind. Organisierte Auswanderung in diese Richtung begann nach dem Dreißigjährigen Krieg, und das einzige Ziel war zunächst Neuengland, das britische Kolonialreich in Nordamerika. 1683 landeten die ersten 13 deutschen Familien in Philadelphia und gründeten Germantown. Es folgten bald Tausende Anhänger verschiedener Glaubensgemeinschaften, die sich vor allem in Pennsylvania, der Kolonie der Religionsfreiheit, niederließen. Dort spricht man bis heute einen dem Deutschen entlehnten Dialekt, das Pennsylvania Dutch.
Beginnend mit dem 18. Jh. war es vor allem wirtschaftliche Not, die Jahr für Jahr mal mehr, mal weniger Deutsche ins "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" lockte. Machten 1709 etwa 13 000 Pfälzer den Anfang, waren es 1854, dem Rekordauswanderungsjahr, 215 000 Menschen aus allen Teilen des Deutschen Bundes. 1924, das Jahr nach der großen Inflation, brachte mit 75 000 deutschen Ankömmlingen erneut einen Höhepunkt.
Unsere einstigen Landsleute hatten übrigens hervorragenden Anteil am amerikanischen Unabhängigkeitskampf. Um ein Haar wäre Deutsch später USA-Amtssprache geworden. Immerhin betrug der deutsche Einwandereranteil ein Viertel bis ein Drittel. Bis zu einem Viertel der US-Amerikaner beruft sich auch heute auf Deutschstämmigkeit.


Deutschamerikaner in Neu York begehen
jährlich ihre traditionelle Parade

Daß die USA im 19. Jh. Hauptauswanderungsland für Deutsche (und andere Völker) wurden, hatte auch mit den politischen Verhältnissen zu tun. Als sich nach den Befreiungskriegen 1813/15 die "Heilige Allianz" etablierte, kamen vor allem Studenten und andere Intellektuelle ins bürgerlich-demokratische Land. Neuer Höhepunkt war die politische Verfolgung nach der 1848er Revolution. Nun strömten besonders Liberale von Deutschland in die USA. Ahnliche Wirkungen auf Betroffene verursachten das Sozialistengesetz (1878 bis 1890) sowie der in den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts erstarkende, dann immer mehr Bevölkerungsgruppen terrorisierende Nationalsozialismus.
Nach Kanada kamen erste deutsche Siedler 1805 aus Pennsylvania, ab 1830 auch direkt aus dem Heimatland. Ihnen boten vor allem die unerschlossenen Prärieprovinzen im Westen Raum.


historische Aufnahme von 1916:
Deutschkanadier feiern in der Siedlung Winkler in Manitoba

Etwa zur gleichen Zeit, nämlich ab 1824, erhielten Deutsche Gelegenheit, im Süden Brasiliens vermeintlich jungfräuliches Urwaldterrain zu roden. Zusammenstöße mit Indianern blieben nicht aus. Deutsche dehnten ihre Ansiedlungen auch auf benachbarte Gegenden in Argentinien und Paraguay aus.


Schülerinnen und Schüler der deutschen Schule
in Independencia (Paraguay) mit Lehrmaterialien vom VDA

Gerade dorthin hat sich vor 45 Jahren auch eine Reihe Nazis absetzen können, ohne daß sie selbst in diesen Ländern zum Gros der Auslandsdeutschen geworden sind. Erwähnt sei noch die kleine, seit 1852 existierende deutsche Kolonie in Chile, die aber vergleichsweise großen Einfluß, z.B. im Heer und im Schulwesen, erlangt hat.
Ab 1884 erwarb das Deutsche Reich Kolonialbesitz in Afrika und der Südsee. Dennoch gibt es heute in betroffenen Ländern kaum noch Nachfahren der Herren von einst. Nur in Namibia (dem früheren Deutsch-Südwestafrika) hat sich eine nennenswerte Minderheit halten können. Deutsch ist dort sogar Amtssprache Nummer 3. Das hat sicher auch mit der ehemaligen Mandatsmacht, dem benachbarten Südafrika, zu tun. Deutsche Auswanderung ins Land am Kap setzte nämlich schon Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhunderts ein.


Denkmal für Adolf Lüderitz in der nach ihm benannten Stadt.
Der Bremer Kaufmann legte den Grundstein deutscher Kolonisation in Südwestafrika (Namibia)

Nach Australien schließlich gelangten Landsleute zuerst 1838, ein großer Schub aber auch nach dem zweiten Weltkrieg. Doch wie in anderen klassischen Einwanderungsländern, insbesondere den USA und Kanada, schritt der Integrations- und Assimilierungsprozeß schnell voran. Unerwähnt blieb jetzt Israel, obwohl deutsche Juden zahlreich in diese Gegend kamen. Doch wer dem Holocaust entrann und womöglich Angehörige in nazideutschen KZ verloren hatte, verspürte wenig Neigung, sich noch als Deutscher zu fühlen. Nach 1948 haben sich zudem die Juden in Israel, welcher Herkunft auch immer, als Nation konstituiert.

 

Buße für Untaten alter Heimat

Mit den Auslandsdeutschen wurde in unserem Jahrhundert nicht selten Mißbrauch getrieben. Mal waren sie gewaltsamen Assimilierungsversuchen ausgesetzt, dann wieder büßten sie für Untaten der alten Heimat. Erste Umsiedlungsaktionen im großen Stil trafen nicht etwa die Wolgadeutschen nach Stalins berüchtigtem Befehl. Hitlerdeutschland hatte schon vorher ganze Volksgruppen (insbesondere aus dem Baltikum, der Dobrudscha, Bukowina, Wolhynien und Bessarabien, z.T. auch aus Südtirol) "Heim ins Reich" geholt. Sie wurden neu angesiedelt auf annektiertem polnischem und tschechischem Land.
Auslandsdeutsche waren es auch, derer man zuerst habhaft wurde, um sich für Verbrechen des Hitlerregimes zu rächen, auch wenn sie mit dem Nazismus nicht im Bunde waren. Die Sowjetdeutschen verloren schon 1941, kurz nach dem Einfall der faschistischen Wehrmacht in die UdSSR, ihre Autonomie und wurden nach Sibirien und Mittelasien verbannt. Zehntausende kamen in der Arbeitsarmee zu Tode. Aufenthaltsbeschränkungen galten bis in die sechziger Jahre. An der Wolga ist die Stimmung eher dagegen, daß es zur Neuauflage der autonomen deutschen Republik kommt. Deutsche aus Polen (innerhalb der neuen Grenzen), der Tschechoslowakei und Ungarn waren laut Potsdamer Abkommen auszusiedeln, nur im letzteren Falle wurde das zu großen Teilen nicht ausgeführt. Das gleiche Schicksal traf die Mehrzahl der Deutschen in Jugoslawien und alle früheren Bewohner des nun sowjetischen Nordostpreußens, obwohl dies von den Alliierten nirgendwo festgelegt war.
Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben schienen sich - nach Enteignung, Arbeitsdienst in der Sowjetunion und Rumänien sowie späterer Wiederherstellung ihrer Rechte - zu konsolidieren. Dem verpaßte das Ceausescu-Regime durch Assimilierungsdruck, politische und wirtschaftliche Knebelung einen entscheidenden Schlag. Der Massenexodus hält mangels Vertrauen in die neue Führung weiter an. Das Ende jener deutschen Minderheit ist abzusehen, die am längsten im Ausland bestand.
Die weitere Existenz einer solchen Minorität in Polen wurde offiziellerseits, darunter auch von der Kirche, seit Jahrzehnten bestritten. "Echte" Deutsche gab es in der Tat nur noch wenige. Die sich jetzt wieder ungestraft dazu bekennen - vorwiegend zweisprachige Oberschlesier und Masuren - galten im Nachbarland als "Autochthone", deren Vorfahren germanisiert worden seien. Nun ist es aber wieder amtlich, daß nationales Zugehörigkeitsgefühl individuelle Entscheidung bleibt.
Auch in anderen Ländern, in denen Auslandsdeutsche leben, gibt es für sie Probleme. Oft war es während der Weltkriege oder folgender Zeiten verboten, zumindest nicht angeraten, in der Öffentlichkeit Deutsch zu reden. Schulen und Zeitungen wurden geschlossen, Kulturvereine aufgelöst.
Wenn solche Maßnahmen, sei es in Australien, Ungarn oder Brasilien, auch wieder rückgängig gemacht wurden, der sonst natürliche Assimilierungsprozeß wurde dadurch forciert. Das Interesse nachwachsender Generationen am Erhalt der Sprache ist auch aus vielerlei anderen Gründen nur schwer aufrechtzuerhalten.

 

Hilfe, wenn sie gewünscht wird

Hilfe beim Bewahren deutscher Eigenart in fernen Ländern kann, wenn gewünscht, aus der Urheimat kommen. Der Verein für das Deutschtum im Ausland (VDA) verfügt diesbezüglich über langjähriges Knowhow. 1881 als Allgemeiner Deutscher Schulverein gegründet und 1908 umbenannt, befaßt er sich seit jeher mit Kontaktpflege und Unterstützung auf schulischem, kulturellem und Pressegebiet. Wegen seiner Tätigkeit in der Zeit des Dritten Reiches unterlag der VDA nach dem Krieg alliiertem Verbot. 1955 wurde er im damals SPD-regierten Bayern wiederbegründet.
In der DDR entstand 1964 die Gesellschaft Neue Heimat (GNH). Auch sie unterstützt seitdem die Auslandsdeutschen und vermittelt Verbindungen speziell zu Herkunftsgegenden in diesem Teil Deutschlands. Dabei mußte man sich in der Vergangenheit auf Partner in Übersee beschränken. Deutsche Minderheiten in Osteuropa galten bis letztes Jahr als "innere Angelegenheit" dieser Staaten. Im Inland führte die GNH zudem weitgehend ein Schattendasein. Die Beschäftigung breiter Kreise mit Auswanderungsthemen galt als nicht opportun.
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Noch einmal: Es geht nicht darum, soviel Menschen wie möglich nach Deutschland zu holen. Auslandsdeutsche sollen sich - wie andere Volksgruppen oder Minderheiten auch - in ihrer jetzigen Heimat wohl fühlen können. Die Mehrheit, ohnehin in klassischen Einwanderungsländern, vor allem in Übersee lebend, hat diesbezüglich auch kaum Probleme. Man ist dort meist nur in zweiter Linie deutsch. Woanders wird es geduldigen Wirkens bedürfen, was nur mit Hilfe der zuständigen Regierungen in Betracht kommt. 20 Millionen stehen nicht ante portas, doch selbst bei "nur" 1 Million aus Osteuropa hätten wir alle zusammen versagt. Es gilt also, die Brückenfunktion der Auslandsdeutschen zwischen den Völkern zu stärken, ihnen die Heimat zu erhalten, dort wo sie ist.

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